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Einblick

Am Kulturerbe interessiert

Ziel der Europäischen Tage des Denkmals ist es, in der Bevölkerung das Interesse an unseren Kulturgütern und deren Erhaltung zu wecken. In der ganzen Schweiz sind jeweils am 2. Wochenende im September Interessierte zu Führungen, Besichtigungen und Vorträgen eingeladen. 
Organisiert werden sie von den Fachstellen für Denkmalpflege und Archäologie sowie weiteren am Kulturerbe interessierten Organisationen und Personen. NIKE, die Nationale Informationsstelle zum Kulturerbe, ist für die landesweite Koordination der mehreren hundert Anlässe, für die nationale Medien- und Öffentlichkeitsarbeit sowie die Publikation des Programms in Form einer Broschüre und im Internet zuständig. 

Im Zentrum der Vereinsinteressen von Weiss- und Schwarzkunst steht die Pflege und Vermittlung des Kunsthandwerkes Buchdruck. Die formschönen, starken Druckmaschinen sowie die Blei- und Holzschriften sind für den klassischen Buchdruck und Prägedruck (Letterpress) spezialisiert. Damit diese alte Drucktechnik und deren Exponate von Kunst und Gesellschaft geschätzt wird, bauen wir mit anderen Ateliers in der Schweiz und darüber hinaus ein lebendiges, freundschaftliches und professionelles Netzwerk. Wir bieten tolle Drucke auf haptisch hinreissendem Papier. Denn auch die Papierfabriken geben alles, um hochwertige charaktervolle Papiere in allen Farben herzustellen. Zwei, sogar ältere immaterielle Kulturerbe bietet der Verein mit dem Papierschöpfatelier und der Handbuchbinderei. In beiden arbeiten Berufsleute, die ihre Handfertigkeiten an Workshops vermitteln und Aufträge erarbeiten. 

Wir durften an beiden Tagen des Denkmals 2020 je eine Persönlichkeit vorstellen, die ihre Sporen längst abverdient haben, in deren Herzen das Feuer ihrer Arbeit jedoch noch lichterloh brennt. Die Gäste die ihnen lauschten kamen aus den Kantonen Aargau, Zürich, Zug, Schwyz, Nidwalden und Luzern. Beim Registrieren der Namen und Telefonnummern (gemäss Schutzkonzept), freuten wir Organisatoren uns über einige Interessierte mehr, als wir gemäss Anmeldungen erwartet hatten. Wir registrierten 37 und 26 Personen.

Rundgang und Interviewgespräch von Jost Balthasar und Roger Tschopp 

Neunzigjährige «Alti Cherzi» mit spannender Geschichte

fotografiert von Jürgen Schröter

Durch die vielen Gespräche die Jost Balthasar und Roger Tschopp im Vorfeld führten, übernahm Tschopp die Führung um die einzelnen Häuser. Balthasar ergänzte und präzisierte, was jedoch an einer Ecke im Lärm der schreinerschen Sägemehlanlage unterging. Da musste man ihm von den Lippen lesen. Immerhin wussten die Gäste, dass in diesem Haus gearbeitet wird und dass das bevorstehende Interviewgespräch im Bürotrakt des neuzigjährigen Industriegebäudes ruhiger werden würde. Im herrlich warmen Sommerwetter wandelten alle wie Hans Guck-in-die-Luft um die «vereinigten Hüttenwerke» wie sie, gemäss Balthasar, auch genannt wurden. Ehemalige Lehrtöchter und Angestellte erzählten weiter hinten in der Gruppe, welche Arbeitsschritte in den einzelnen Anbauten gemacht wurden und erinnerten sich gut gelaunt an die eine oder andere Begebenheit. 

Im Hauptgebäude, genauer im Aufenthaltsraum des Vereins Cervicia, nahmen 37 Personen gespannt Platz. Roger Tschopp stieg gleich mit einer provokanten Frage ins Interview ein: «Warum sind die Gebäude nicht zusammenhängend konzipiert worden, man kannte doch sicher gute Architekten die einen beeindruckenden Bau gezeichnet hätten?». Die Antwort von Balthasar kam ohne bedauern, denn sein Vater Theo Balthasar wollte keinen Bau zum präsentieren. Der Produktionsbau musste jeweils den aktuellen finanziellen wie den praktischen Ansprüchen dienen.

Tschopp erkundigte sich nach Hochdorf: «Wie war das Verhältnis des Familienunternehmens Balthasar & Co., Parfümeriefabrik im Dorf Hochdorf? Lieferten Sie auch an einen Laden in Hochdorf?». «Indirekt wurde an das Warenhaus «Au Louvre» geliefert. Das heisst wir lieferten an die Firma Nordmann und sie ins Louvre. Balthasar hatte ja noch keinen eigenen Fabrikladen…».

Ein Gast meldete sich und erzählte von seiner Mutter, die sehr früh Witfrau geworden sei. Theo Balthasar schaute damals, dass sie durch den verstorbenen Ehemann/Mitarbeiter eine Sozialleistung erhalten habe. Jost Balthasar sagte, dass man die Angestellten als Mensch und nicht als Produktionsmaschine kennen wollte. Es hätte zwar Leute gegeben, die davor warnten, dass man sie ausnutzen würde, doch das habe er niemals erlebt. Roger Tschopp ergänzte, dass auch er die väterliche Art eines «Patrons» sehr schätze. «Sie hätten zwar gefordert, aber auch gerne gefördert oder nach dem werten Befinden gefragt». 

Tschopp: «Warum gründet eine altansässige Luzerner Patrizierfamilie im Seetal ein Unternehmen? War die Seetalbahn der springende Punkt?». Jost Balthasar räumt ein, dass es ohne die Seetalbahn sicher keine Industrie in Hochdorf gegeben hätte. Aber, sein Vater Theo Balthasar sah die unternehmerischen Gesichtspunkte und kaufte das Unternehmen der Herren Kassel und Philippi aus Berlin. Diese erwarben sieben Jahre zuvor, das Gebäude der Schokoladenfabrik Lucerna (als Wasch- und Lagerhaus genutzt) und stellten Parfümerien wie kölnisch Wasser, Badetabletten und Haarwasser für Warenhäuser her. 

Mit dem Kauf 1948 der Horwa AG (Wachskerzenfabrik, Horw) und später weiterer Kerzenhersteller wuchs sein Unternehmen in kurzer Zeit zum bedeutendsten Kerzenproduzent der Schweiz. 1976 übernahmen seine Söhne Jost die Parfümerie- und Louis die Kerzenherstellung. Jost gründete «Caprice Cosmetic SA» und fusionierte später mit «Cosmetic 1001, Schneider & Co. AG». 1996 verkaufte er seinen Produktionsbetrieb, nutzte seine Gebäude um und gründete die KMU-Center Hochdorf AG.

Seit 2017 sind seine Kinder Bernard und Michèle Eigner des Unternehmens und vermieten die Räume an über 50 Mieter. 

Nach dem Interview folgten der Grossteil der Gäste Roger Tschopp in die Räume des Vereins Weiss- und Schwarzkunst, wo er gleich noch eine kleine Führung anhängte. Man schleckte ein Seetaler Glacé und sah, dass der Verein das grafische Kulturerbe sehr professionell pflegt. Er passe gut in das geschichtsträchtige Haus der Industrie, meinte einer der Gäste. 

In den Räumen von Weiss- und Schwarzkunst, im Vordergrund Erich Egli, Buchdrucker und Aktivmitglied. Foto: Jürgen Schröter

Matinéevortrag von Benno K. Zehnder

Architektur, die von Farben berührt wird, verändert sich

Als Benno K. Zehnder um zwanzig Minuten vor zehn Uhr in die Werkstatt vom Verein Weiss- und Schwarzkunst kam, waren das Stübli, der Beamer, die mit Distanz aufgestellten Stühle, die Suppe mit Brot und der Seetaler-Glacé-Stand wieder aufgefüllt und warteten still auf die Gäste. 

Wir Organisatoren sahen in der Fantasie zwei ehemalige Schulklassen des früheren Direktors der Höheren Schule für Gestaltung Luzern an den Vortrag kommen, weil die ersten beiden Gäste sagten, dass sie sich nicht angemeldet hätten. So kam es aber nicht. Es kamen ganz genau die Personen, die sich angemeldet hatten. Das Stübli war zwar gut, aber nicht eng besetzt. 
Seinen Vortrag begann Benno K. Zehnder mit einem Hoch auf die farbige Sehfähigkeit. Denn wenn Licht und Farbe vorhanden sind, ohne ein farbsehendes Auge, ist nur Strahlung da. Erst diese wunderbare Schöpfung macht das Erleben der Farbe fantastisch. Er zeigte den Unterschied von der Klarheit der Lichtfarben und den eher schmutzigen Körperfarben auf. Mit beiden Farben arbeitet er in der Farbarchitektur. 

Zehnder erzählte von verschiedenen Aufträgen. Zum Beispiel dem Gebeinhaus in Steinhausen. Zwei raumhohe sich gegenüber stehende Bilder realisierte er da. Das ein hellblaues Wohlfühlbild das er ganz speziell uns «Normalsterblichen» gewidmet hat (denn die Priestergebeine wurden in der Pfarrkirche verwahrt). Das andere Bild fasziniert besonders, wenn man etwas über die Produktion weiss. Er machte sich das durchscheinen der einzelnen Farben zunutze und malte als erstes eine gelbe Fläche mit den ausgesparten weissen Linien der Figuren. Darüber malte er mit roter und dann mit blauer Mineralfarbe, wobei er die Figuren sorgfältig aussparte, damit die Linien weiss blieben. Der Plan war mit allen Farben Schwarz zu erhalten. Als sich das wunderbare Blau entfaltete, entschied der Künstler die Farbe so zu lassen. 

Weitere Projekte waren der Raum der Stille im Spital Schwyz, die Malerei neben den Glasfenstern im Acherhof und das Bad im Spital Schwyz. 

Mythencafé im Spital Schwyz: An jedem 29. Februar, wenn die Sonne scheint, legt sich das helle Licht exakt auf die dunkelrote Farbfläche und man sieht zum helleren Rot keinen Unterschied mehr.
aus dem Buch: Architektur Farbe Licht

www.farbarchitektur.com
Das Buch: Architektur Farbe Licht: die Kunst von Benno K. Zehnder im Spital Schwyz ist in der Buchhandlung buechladehochdorf.ch, bei Martina Küng in Hochdorf erhältlich.

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